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Seite 1 von 4 Zur Legitimation von Schulsport Autor: Johannes Gerlinger Institut für Sportwissenschaften der Universität Stuttgart Welche Bedeutung haben Bewegung, Spiel und Sport für Erziehung, Bildung und Lebensgestaltung? Auf diese Frage sucht die Sportpädagogik Antworten. Diese Antworten sind zur Zeit aktueller und wichtiger denn je, den der Schulsport wird vermehrt durch verschiedenste Politiker, aber auch von anerkannten Erziehungswissenschaftlern kritisch hinterfragt, ja mehr noch, teilweise wird sogar die vollkommene Abschaffung gefordert (Lenzen 1999). Die Hinterfragung von Schulsport ist nicht neu, denn der Sportunterricht stand schon immer unter einem besonderen Legitimationsdruck. In letzter Zeit hat sich dieser jedoch verstärkt. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Einen großen Einfluss hat sicher der aktuelle Wandel der Sportwirklichkeit, so hat die Versportlichung der Gesellschaft, die mit einer Entsportlichung des Sports einhergeht, dazu geführt, dass sich „der Sport“ zunehmend ausdifferenziert und seine Eindeutigkeit verloren hat. Die immer stärker werdende Unschärfe des ehemalig eindeutigen Selbstverständnisses des Sports mit den Prinzipien Leistung, Wettkampf, Konkurrenz und Rekord, sowie die immerwährende Präsenz von Sport in Freizeit und Lebensgestaltung hat dazu geführt, dass der Sport vor allem in der Schule zunehmend hinterfragt wird. Insbesondere die Erziehungswissenschaftler Lenzen (1999) und Giesecke (1998) fordern die Abschaffung des Schulsports. In ihren Augen sind die Argumentationsmuster, mit denen sich Schulsport legitimiert nicht nachvollziehbar und auch die funktionalen Begründungen (Gesundheit, Persönlichkeit usw.) wissenschaftlich nicht empirisch belegt. Giesecke kommt deshalb zu dem Schluss, „dass Sport als verbindliches Unterrichtsfach… in der modernen Freizeitgesellschaft entbehrlich geworden ist.“ Gerade vor diesem Hintergrund darf es deshalb nicht verwundern, dass innerhalb der Sportwissenschaft ein intensiver Diskurs um die Zukunft des schulischen Sportunterrichts entbrannt ist. So finden sich auch innerhalb der Sportwissenschaft die verschiedensten Tendenzen, wie der Sportunterricht auch in Zeiten einer veränderten Lebens- und Sportwirklichkeit begründungsfähig bleiben kann. Dies geht von einer Abkehr von der Orientierung an den Sportarten bis zur Forderung einer Umbenennung und Neuorientierung des Schulfaches in Bewegungserziehung (Grössing 1993). Es wird versucht den Sport neu zu legitimieren, teilweise durch den Sport selbst unter einem Sportmotiv, teilweise mit innersportlichen Werten wie Fairness und Teamgeist aber auch mit der Entwicklung außersportlicher Qualifikationen wie allgemeine Persönlichkeitsentwicklung, Teamfähigkeit und Empathie. Im Folgenden soll nun versucht werden, gerade vor der aktuellen Diskussion die alles entscheidende Frage zu klären, ob Sport als Bildungsgut zu gelten hat, dass in die Schule gehört oder nicht. Eigentlich erscheint die aktuelle gesellschaftliche Sportwirklichkeit ziemlich paradox, denn auf der einen Seite zeichnet sich unsere heutige Gesellschaft durch Körperdistanzierung, andererseits durch den hohen Stellenwert des Sports aus. Diese Körperdistanzierung bezeichnet Bette (1986) als „Marginalisierung der Person“. So ist für Bette der Sport vor dem Hintergrund einer weitgehend entkörperlichten Lebensführung die logische Reaktion der Gesellschaft auf sich selbst. Die Körperdistanzierung sehen wir in den zunehmenden so genannten „Zivilisationskrankheiten“, die oft auf den Bewegungsmangel zurückzuführen sind. Auch vor der Kindheit und Jugend hat diese entkörperlichte Lebensführung nicht halt gemacht. So war die Freizeit früherer Heranwachsender noch von Bewegung, Spiel und Sport geprägt. Heute dagegen wird ein Großteil der Zeit außerhalb der Schule vor dem Fernseher und Computer verbracht. Auch innerhalb der Schule zeigt sich ein deutlicher Widerspruch, so ist im Matheunterricht Stillsitzen angesagt, im Sportunterricht dagegen Bewegung Pflicht. Der Boom des Sports begann mit der Industrialisierung und gilt heute als befreiende Freizeitform mit vielfältigen, selbstbestimmten Sinnmustern und Erlebnismöglichkeiten außerhalb der Alltagswelt (Moderatorfunktion des Sports à Brinkhoff 1998). Die Folgen zeigen sich in der zunehmenden Ausdifferenzierung des ehemals einheitlichen Sports in eine Unübersichtlichkeit, die den Sport zunehmend entsportlicht. Neben dem Breiten- und Leistungssport entstanden neue Sportwelten des Freizeits- und des Berufssports, die beide nicht mehr mit den ursprünglichen Konstitutionselementen des Sport (Bewegung, Wettkampf, Regelwerk, Unproduktivität) vereinbar sind. Sport ist in unserer Gesellschaft zu einem Kulturphänomen geworden, einerseits mit wichtigen Funktionen, andererseits mit fragwürdigen Entwicklungen wie Kommerzialisierung, Doping und Instrumentalisierung. |
| Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 06. Februar 2011 um 11:32 Uhr |